Dieses Zitat trifft es ziemlich genau: Wenn eine Rolle nicht durch stilles Dulden, sondern durch echtes Vertrauen besetzt wird, verändert sich die Qualität der Zusammenarbeit grundlegend. Und genau da setzt die Offene Wahl an. Wer die Aufgabe übernimmt, tut es nicht, weil niemand sonst wollte – sondern weil das Team diese Person bewusst gewählt hat und für die beste Besetzung hält. Das ist ein Unterschied, der sich im Alltag spürbar bemerkbar macht.
Hierfür empfehlen wir das Tool!
Kennst Du das? Eine Aufgabe soll verteilt werden, und plötzlich werden Blicke gesenkt, Handys gezückt, Unterlagen durchgeblättert. Manche hätten sogar Lust auf den Job, trauen sich aber nicht, sich selbst vorzuschlagen. Das Ergebnis: Die Rolle landet dort, wo sie zufällig landet oder dort, wo sie immer landet – nicht dort, wo sie am besten aufgehoben wäre.
Die Offene Wahl ist ein wertschätzendes Verfahren aus der Soziokratie. Es holt alle Perspektiven ins Team und gibt der gewählten Person etwas mit, das kein Top-down-Assignment bieten kann: das begründete Vertrauen aller anderen.
So funktioniert es gut!
Arbeitet euch gemeinsam durch diese Schritte – am besten mit einer neutralen Moderation, besonders beim ersten Mal.
Sammelt gemeinsam: Was braucht es idealerweise für die Rolle
Die Offene Wahl startet mit einer Sammlung von Eigenschaften, Fähigkeiten, Kompetenzen etc. die idealerweise vorhanden sind, um die Rolle auszufüllen. Achtet darauf, dass ihr nicht die eierlegende Wollmilchsau sucht, sondern seid kritisch im Aufstellen eurer Kriterienliste. Ist die Liste nicht gut, kann die Wahl nicht gut gelingen.
Individuelle Reflexion: Wen schlage ich vor – und warum?
Jede Person denkt still für sich: Wen würde ich für diese Rolle wählen, wer passt am besten auf die gesammelten Kriterien, und was macht diese Person für die Rolle geeignet? Wichtig: Wählt euch selbst, wenn ihr diese Person seid! Selbstkandidaturen sind ausdrücklich erwünscht und zeigen Eigenverantwortung, keine Arroganz. Auch wichtig: bitte keine Negativargumente, warum jemand nicht gewählt wurde. Es ist nur wichtig, warum ihr eine Person für die Richtige haltet.
Wahlzettel einsammeln und Argumente hören
Die Zettel werden eingesammelt. Danach werden die Nominierungen reihum öffentlich gemacht – und zwar mit den positiven Begründungen dahinter. Und noch einmal: Es geht nicht darum, andere Kandidat:innen schlechtzumachen, sondern darum, sichtbar zu machen, was für wen spricht.
Zweite individuelle Reflexion: Beeinflusst das Gehörte meine Nominierung?
Nach dem Hören der Argumente darf jede Person kurz innehalten: Hat das, was ich gehört habe, meine Einschätzung verändert? Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Lernbereitschaft.
Abfrage: Möchte jemand seine Nominierung ändern?
Wer seine ursprüngliche Nominierung ändern möchte, hat jetzt die Gelegenheit dazu. Freiwillig, ohne Druck. Wichtig ist auch hier: ändert die Meinung nicht strategisch ("Für meine favorisierte Person gibt's sonst ja ohnehin keine Stimmen!"), sondern verändert eure Wahl so, wie es sich für jede teilnehmende Person stimmig anfühlt.
Vorschlag auf Basis des Gehörten
Die Moderation macht einen konkreten Vorschlag, wer die Rolle übernehmen soll. Achtung: Es zählt nicht nur die reine Stimmanzahl – die Qualität der Argumente fließt genauso ein. Ein überzeugend begründeter Einzelstimmen-Vorschlag kann durchaus mehr Gewicht haben als eine schwach begründete Mehrheit. Selbstnominierungen fallen üblicherweise stärker ins Gewicht als Fremdnominierungen, aber sie dürfen den Vorschlag nicht dominieren.
Einwände prüfen – zuletzt wird die nominierte Person gefragt
Gibt es schwerwiegende Einwände gegen den Vorschlag (vgl. unser Tool Entscheidungen im Konsent treffen)? Alle kommen zu Wort – und die vorgeschlagene Person wird als letzte gefragt, ob sie die Rolle annimmt. Das garantiert, dass sie das Commitment und Vertrauen der Gruppe spüren kann, bevor sie sich für die Übernahme der Rolle oder Aufgabe entscheidet.
Darauf musst Du achten!
Die Offene Wahl entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn die Atmosphäre wirklich sicher genug ist, dass Menschen sich selbst vorschlagen können. Das klingt einfach, ist es aber nicht immer – gerade in Teams mit starker Hierarchie oder ausgeprägter Bescheidenheitskultur braucht es ein bisschen Anlaufzeit.Sorgt als Moderation aktiv dafür, dass Selbstnominierungen als Stärke gerahmt werden, nicht als Aufdringlichkeit. Macht deutlich: Es ist ein Dienst am Team, wenn man sagt „Ich glaube, das kann ich gut."
Achtet auch darauf, dass die Argumente wirklich positiv und sachlich bleiben. Die Runde ist keine versteckte Gelegenheit, Kandidat:innen kleinzureden.
Haltet euch genau an den Ablauf. Auch wenn es so aussieht, als könne man eine Abkürzung nehmen und brauche z. B. die zweite Meinungsrunde nicht, so rächt sich das im späteren Verlauf häufig. Nehmt euch die Zeit, die das Format braucht. Es lohnt sich, denn wer gewählt wird, erhält nicht nur eine Aufgabe oder Rolle – sondern das explizite Vertrauen des Teams. Das ist eine Form von Wertschätzung, die in vielen Organisationen schlicht fehlt. Nutzt das bewusst.
So unterstützen wir Dich
Die Offene Wahl gehört zu den schwieriger zu moderierenden Maßnahmen. Eigentlich ist es furchtbar simpel und doch gibt es immer wieder Sonderfälle, in denen Erfahrung gefragt ist, damit das Verfahren positiv und wertschätzend für alle Beteiligten bleibt. Wir unterstützen euch gerne im Rahmen eines Teamworkshops bzw. einer Teamentwicklung dabei, die ersten Wahlen zu gestalten, sodass ihr bald selbst in die Moderation gehen könnt.
Dies empfehlen wir Dir zusätzlich
Schau doch mal unsere Tools zu "Entscheidungen im Konsent treffen" und Rundenbasierte Diskussionen an – beides sind verwandte Werkzeuge aus der Soziokratie, die sich in der Praxis wunderbar mit der Offenen Wahl ergänzen.
Einen guten deutschsprachigen Überblick über alle vier Basisprinzipien der Soziokratie – inklusive der Offenen Wahl – gibt dieses Video vom Soziokratie Zentrum Österreich: https://www.youtube.com/watch?v=3pggHOWgjKQ
Wer tiefer einsteigen möchte, findet hier weiterführende Infos zur Methode: Offene Wahl im Detail erklärt (Sociocracy For All, auf Deutsch): https://www.sociocracyforall.org/de/auswahlverfahren/